Auf der diesjährigen DEF CON hat sich wieder ein „Voting Machine Hacking Village“ zusammengefunden. Die Teilnehmer setzten sich mit den in den Vereinigten Staaten verbreiteten Wahlcomputern, deren Technik und Verwundbarkeiten auseinander. Ziel waren dabei Angriffe auf die Systeme, um beispielsweise Wahlergebnisse manipulieren und damit konkrete Schwächen aufzeigen zu können. Im Ergebnis hielt keiner der Wahlcomputer den Angriffen stand.
Die DEF CON ist eine jährliche Hackerkonferenz in Las Vegas. Im vergangenen Jahr schon hatten die Organisatoren insgesamt 25 verschiedene Wahlsysteme zur Verfügung gestellt, die nach drei Tagen allesamt von Konferenzteilnehmern gehackt worden waren. Sie manipulierten die Ergebnisse, verseuchten die Computer mit Schadsoftware oder sabotierten sie, so dass sie nicht mehr korrekt funktionierten.
Dass die anhaltenden Diskussionen um russische Manipulationsversuche bei vergangenen und kommenden Wahlen einen Einfluss darauf hatten, das Voting Village dieses Jahr wieder anzubieten, damit hielten die diesjährigen Organisatoren nicht hinter dem Berg. Man wolle die Öffentlichkeit einerseits über Schwachstellen informieren, andererseits aber auch rechtliche Regeln und ökonomische Zusammenhänge erklären.
Es sei naiv anzunehmen, dass man die Sicherheit der amerikanischen Wahlsysteme nicht auch in Russland unter die Lupe nehme. Das beträfe aber nicht nur die Geräte an sich, sondern auch die Infrastruktur der gesamten Wahlen. Hinzu komme, dass Hardware-Komponenten oft aus China oder anderen Staaten stammen, was ein weiteres Risiko für Angriffe darstellen könnte. So steht es dann auch im Bericht des Voting Villages (pdf):
A nation-state actor with resources, expertise and motive, like Russia, could exploit these supply chain security flaws to plant malware into the parts of every machine, and indeed could breach vast segments of U.S. election infrastructure remotely.
(Ein staatlicher Akteur mit Ressourcen, Expertise und Motivation, wie Russland, könnte die Sicherheitslücken der Lieferkette ausnutzen, um Schadsoftware in Komponenten jeder Maschine einzupflanzen, und dann tatsächlich aus der Ferne in große Bereiche der US-Wahlinfrastruktur einbrechen.)
Es drängt sich die Frage auf, warum das Problem der Wahlcomputer mitsamt den strukturellen Schwachstellen in den Vereinigten Staaten noch immer wie eine Marginalie behandelt wird. Politiker lamentieren lieber über Werbung bei Facebook, statt sich diesem drängenden Problem zu widmen. Dabei wäre es durchaus lösbar. Denn um die gröbsten Schwächen zu beheben, braucht es keine Magie. Es ist eher eine Frage des Geldes. Denn Geld müsste man in die Hand nehmen, um veraltete Wahlcomputer aus dem Verkehr zu ziehen, IT-Sicherheitsprüfungen zu finanzieren, Wahlbeteiligte zu schulen, mehr Tests durchzuführen oder die Wahlinfrastruktur zu erneuern.
Die Regierung des derzeitigen Präsidenten Donald Trump schiebt den Schwarzen Peter dem Vorgänger Barack Obama zu: Er sei für die Sicherheitslücken verantwortlich. Immerhin will die US-Regierung jetzt 250 Millionen Dollar für ein „emergency election security funding“ (Wahlsicherheitsnotfallprogramm) lockermachen. Die Organisatoren des Voting Villages halten das nicht für ausreichend, allenfalls für einen Anfang.
Testen, angreifen, zerforschen
Versuche, die Sicherheit von Wahlcomputern zu testen, haben bei der DEF CON schon eine lange Tradition, erfahren aber mit jedem Jahr mehr Aufmerksamkeit und sind seit letztem Jahr in einem eigenen Voting Village konzentriert. Im Grunde ist das Konzept einfach: Man bietet den anwesenden Hackern mitgebrachte Hard- und Software verschiedener Typen von Wahlcomputern an und wartet, was sie damit anstellen. Sie konnten die dreißig verschiedenen Wahlsysteme testen, angreifen, durften dabei alle Funktionen ausprobieren oder die Hardware zerforschen.

Ziel ist es dabei auch, eine Diskussion anzustoßen und Wege aufzuzeigen, wie man Probleme einhegen kann und wie Hacker daran mitwirken könnten. Explizit wurde auch den Organisatoren der Wahl angeboten, sich weiterzubilden und zu lernen, wie Angriffswege praktisch aussehen. Tatsächlich kamen über einhundert solcher Wahlbeteiligter, um sich zu informieren und zu diskutieren.
Eines der Highlights dieses Jahr dürfte das Umfunktionieren eines der Wahlcomputer in eine Jukebox gewesen sein, die Musik und kleine Animationen abspielt. Ähnlich wie beim Wahlcomputer-Hack in Europa, wo ein Schachspiel auf einem Wahlcomputer zum Laufen gebracht wurde, gehen auch die amerikanischen Hacker mit Freude am Ausprobieren ans Werk. Hilfe hatten sie aber auch von europäischen Gleichgesinnten wie Carsten Schürmann, Forscher aus Kopenhagen, dessen Hack CNET beschreibt. Er brauchte nur anderthalb Stunden, dann war eine Schwachstelle eines Wahlcomputers gefunden und ausgenutzt. Auf einem anderen der Wahlcomputer (WinVote) wurden zwischen Daten des Betriebssystems Windows XP überraschend über 1.700 Dateien entdeckt, darunter mp3-Audiodateien mit chinesischen Popsongs.
Die meisten der Modelle wurden aber schlicht manipuliert, um die Ergebnisse oder die Kandidatenzuordnung zu verfälschen. Zugriff auf den Quellcode der Wahlcomputer oder andere proprietäre Informationen hatten die Teilnehmer dabei nicht, sofern sie nicht legal öffentlich zugänglich waren. Die Organisatoren wiesen süffisant darauf hin, dass ein böswilliger Akteur sich solche Informationen allerdings beschaffen würde und damit ein leichteres Spiel gehabt hätte.
Auch Kinder und Jugendliche konnten mitmischen. Sie schafften es, eine extra für die Veranstaltung erstellte Kopie der Website für die Darstellung der Wahlergebnisse in Florida zu hacken und zu verändern. Ein elfjähriges Kind brauchte für die einfache SQL Injection nur zehn Minuten. Für Spott war gesorgt, die BBC nannte es ein „Kinderspiel“, die Ausgabe der Wahlergebnisse zu manipulieren. Nach Angaben der Organisatoren hatte man den Website-Hack deshalb von einer Gruppe von etwa fünfzig Kindern durchführen lassen, weil die Manipulation für erwachsene Hacker zu einfach gewesen wäre.
Kaum Reaktion auf ernste Sicherheitsprobleme
Das Spielerische hat allerdings einen ernsten Hintergrund: In den Vereinigten Staaten sind Wahlcomputer weitverbreitet, ein Großteil der Wahlen wird damit abgewickelt. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Ergebnisse des Voting Villages wie schon im letzten Jahr politisch diskutiert wurden. Dass sich die Wahlsysteme als anfällig für Manipulationen erwiesen haben, ließ auch die zuständigen Behörden nicht kalt. Denn gerade im aktuell aufgeladenen politischen Klima und mit den bevorstehenden Midterm-Wahlen im November kann schon das Misstrauen in die digitalen Wahlsysteme fatal wirken. Die Ergebnisse der Hackertests mitsamt dem Spott über die Herstellerfirmen tragen sicher nicht zur Vertrauensbildung in Wahlcomputerergebnisse bei.
So äußerte sich die National Association of Secretaries of State (NASS, Innenminister der US-Bundesstaaten) zwar durchaus lobend über das Voting Village und die Versuche, auf Schwachstellen hinzuweisen. Allerdings dürfe man auch nicht vergessen, dass es sich um bloße Demonstrationen handele, die im tatsächlichen Leben wegen prozessualer Vorschriften nicht durchführbar seien. Man hätte bei der DEF CON eine „Pseudo-Umgebung“ erschaffen, zudem seien viele der Wahlcomputer-Modelle veraltet. Da hielten die Organisatoren des Voting Villages entschieden dagegen: Jedes einzelne den Hackern zur Verfügung gestellte Modell sei aktuell in Verwendung.
Die Mitteilung des NASS erinnert an die Rückzugsgefechte in einigen Staaten in Europa. Sie hatten nach Bekanntwerden ernster Sicherheitsprobleme bei Wahlsystemen zunächst auch auf angebliche sichere Umgebungen verwiesen, die solche Hacks verhindern würden. Die Situation in den Vereinigten Staaten ist aber deswegen komplexer, weil Wahlcomputer verschiedener Hersteller in den Bundesstaaten schon seit vielen Jahren im Einsatz sind. Die Anforderungen an die Anbieter und die Praxis der Zulassung und Nutzung sind nicht einheitlich geregelt. Transparenz im Umgang mit elektronischen Wahlsystemen wird daher nicht erst seit den neuesten Ergebnissen auf der DEF CON gefordert.
Dass einzelne Hersteller auf die gezeigten Hacks schnell reagieren und Sicherheitslücken schließen, ist unwahrscheinlich. Die Organisatoren des Voting Villages haben dennoch angekündigt, in den kommenden drei Jahren jeweils wieder bei der DEF CON ihr Probehacken anzubieten. Schließlich droht in drei Jahren die Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump.
Allerdings kann man vielleicht auch die positive Seite an der US-Wahlcomputerkrise sehen: Wenn sich nichts ändert, entscheidet eben statt des Wählers der geneigte Hacker. Die Frage wird dann nur sein, ob und wenn ja, wofür ihn wer bezahlt.
